„Ich erlebe Mittweidaer als treue Seelen“


Ich bin Julita Decke
Alter: 44 Jahre
Beruf: Gästeführerin
Hobbys: Theater und Geschichte

„Ich erlebe Mittweidaer als treue Seelen“
„Ich erlebe Mittweidaer als treue Seelen“
„Ich erlebe Mittweidaer als treue Seelen“
„Ich erlebe Mittweidaer als treue Seelen“
„Ich erlebe Mittweidaer als treue Seelen“

Nebel liegt über Schloss Rochlitz. Es ist noch früh am Morgen an diesem Sonntag im Jahr 1537. Elisabeth von Rochlitz betritt die Kirche in Mittweida zum Abendmahl. Die Gesichter in den Reihen wenden sich zu ihr, der Herrscherin über dieses Land, das von Döbeln bis nach Mittweida reicht. Die gebürtige Hessin stemmt sich gegen ihren Schwiegervater und lässt alle am Gottesdienst teilnehmen: Da sitzen Frauen, Kinder, Alte, Junge und alle dürfen singen, alle verstehen die Sprache des Predigers. Hier in Rochlitz, mitten im sächsischen Königreich, schreitet die Reformation voran – getrieben auch von starken Frauen, die ihren Untertanen neue Freiheiten gewähren.

So oder so ähnlich könnte es damals gewesen sein. Heute, ein halbes Jahrtausend später, scheinen die Frauen aber fast vergessen. Als im vorvergangenen Jahr auf Schloss Rochlitz die Ausstellung „Eine starke Frauengeschichte – 500 Jahre Reformation“ stattfand, war das Thema vielen neu, die historischen Menschen unbekannt. Julita Decke, unsere Mittweidamacherin, wird damals Gästeführerin, eher aus einem spontanen Impuls heraus. Die neugierige Frau war schon vorher umtriebig, arbeitete als Ernährungsberaterin und ist seit 2001 im Müllerhof Mittweida aktiv. „Ich wollte etwas Neues wissen“, sagt Julita heute, „ich hatte schon immer ein großes Interesse an Kultur und Feminismus.“ Als dann im Februar 2014 die Chance kam, war das für sie ein attraktives Abenteuer. Sie war Küchenchefin auf dem Schloss, befasste sich mit mittelalterlicher Küche und Kochtechniken. Sie führte die Gäste fast 50-mal durch die Sonderausstellung.

Genug Zeit, um die Frauen, über die sie sprach, kennenzulernen. „Nehmen wir einmal Elisabeth von Rochlitz“, fängt Julita ein, der man die Begeisterung für ihr Thema anmerkt, „Sie kommt aus Hessen und wurde mit 13 Jahren verheiratet. Bereits in jungen Jahren verstarb ihr Mann, der der Thronfolger in Dresden werden sollte. Nun verwitwet, erkämpfte sie sich ihren Witwensitz in Rochlitz, um frei und unabhängig von ihrem Schwiegervater entscheiden zu können. Statt in der historischen Bedeutungslosigkeit zu verschwinden, nutzte sie ihre Freiheit. Sie schrieb Briefe an viele adlige Bekannte, an Evangelen sowie Katholiken, nicht selten an verfeindete Männer. Sie fragten sie um Rat und so konnte sie die Fäden der großen Politik mit klugen Zeilen ziehen.“ Elisabeth von Rochlitz, die Spionin? „Nein, das würde ich nicht sagen. Sie hat immer versucht, damit Frieden zu stiften.“

Diese Frauen inspirierten Julita, sie befasste sich mit den alten Texten, mit der Sprache der Frauen der Reformation, tausche sich mit Historikern aus. Nach der Ausstellung hielt sie Vorträge zu dem Thema. Der nächste logische Schritt war für sie dann, die historischen Frauen selbst zu Wort kommen zu lassen. Als sie dann im Frühjahr 2015 beim Frauensalon „Damen mit Hut“ im Naturgut am Markt schilderte, wie sehr ihr die Geschichten der historischen Frauen am Herzen liegen, entstand die Idee eines Theaterstücks – die Gruppe „Septem Mulieres“ war geboren. Schnell meldeten sich Freundinnen, die auch dabei sein wollten – als Darstellerinnen, als Unterstützerinnen oder mit Räumlichkeiten. Mittlerweile ist die Stückidee bereits gereift und nun erarbeitet Julita gemeinsam mit einer Gruppe von starken Frauen ein Stück über sieben Frauen der Reformation, die für unterschiedliche, oft beeindruckende Lebenswege stehen. Da wäre zum Beispiel die Italienerin Olympia Fulvia Morata, die als Anhängerin der Reformation aus dem katholischen Italien floh. Als Dichterin und Griechischexpertin wäre sie fast die erste Professorin auf deutschem Boden geworden; da waren erste Frauenrechtlerinnen; oder die Nonne, die die Strafpredigten in Klöstern anprangerte und damit ungewollt einen Mob aufstachelte, der die sakralen Orte in Flammen setzte.

„Was mich immer wieder beeindruckt ist, wie viel aus den Briefen und Texten der Frauen auch heute noch Bedeutung hat“, erklärt Julita. Deswegen erarbeiten sich die Darstellerinnen ihre Texte auch selbst, nachdem sie sich ihre Rolle rausgesucht haben. Im September ist dann Premiere – natürlich, in Rochlitz. Aber weitere Termine sind geplant, beispielsweise auch ein Auftritt in der Kirche in Ringethal, Naumburg und Wittenberg. So erhalten die Geschichten der Frauen, die auch aus dem heutigen Mittelsachsen kommen, ein breites Publikum.

Proben für das echte Leben

Als wir Julita bei der Probe mit ihrer Theatergruppe besuchen, merken wir schnell: Hier geht es nicht nur darum, ein Stück zu spielen. Wir erfahren Offenheit und Neugier, als wir mit der Kamera dastehen, um Fotos zu machen. Wir werden in Gespräche verwickelt und erfahren in kürzester Zeit einiges aus dem Leben der Menschen. Hier geht es auch darum, sich mit sich selbst zu beschäftigen – mit der eigenen Geschichte, mit dem eigenen Leben und der eigenen Einstellung dazu.

Woran könnte das liegen? Julita, die viele Jahre in Mittweida gewohnt hat und hier immer noch wirkt, erklärt es: „Ich glaube, die Mittweidaer sind schwer für etwas Neues zu begeistern. Sie prüfen die Dinge, wägen ab. Aber wenn es gelingt sie zu überzeugen, dann bleiben sie treu bis zuletzt und wackeln nicht so schnell in ihren Entscheidungen.“ Die Familie ihres Mannes wohnt seit vier Generationen in Mittweida, ihre Schwiegereltern leben im Neubaugebiet neben dem Müllerhof. Mitunter gehen die Dinge also etwas langsamer und trotzdem ist sie beeindruckt von der Wandlungsfähigkeit: „In den 80er Jahren erlebte ich Mittweida als brummende Industriestadt, es gab keine bessere Einkaufsmeile in der Gegend. Nach der Wende bis in die 2000er Jahre hinein sah man dann eine einzige große, dahinsiechende Industriebrache. Aber jetzt stehen wir kurz vor einem Wendepunkt, an dem erste neue Pflänzchen sprießen. Es passiert zunehmend etwas.“

Wenn sie sich in Mittweida umsieht, sieht sie viel Veränderung. Über ein Drittel der Einwohner der Stadt ist mit der Hochschule verbunden und auch wenn sie erst kein Freund des neuen Technikumplatzes war, merkt sie heute, dass er Offenheit schafft und die Verbindung von Stadt und Hochschule auch optisch stärkt: „Das macht etwas mit der Stadt. Hier beginnt ein Prozess der Verbindung und der Annahme.“ Mittweida wird sich wandeln, auch wenn man den Wohnraum bedenkt: „Heute leben viele ältere Menschen in den Neubaugebieten. Bis 2030 wird sich das aber ändern und die Räume werden frei. Vielleicht ziehen dann jüngere Leute ein.“ Überhaupt nimmt sie oft wahr, dass Studenten und die älteren Mitbürger zu wenig in Kontakt miteinander kommen und deswegen auch nichts zusammen machen. „Das ist schade, weswegen ich mir auch mehr gemeinsame Projekte wünsche“, erklärt die 44-Jährige. Bei „Septem Mulieres“ sind die Darstellerinnen zwischen 18 und 73 Jahre alt, da wird ihr Wunsch bereits gelebt.

Jung, offen, vielfältig

Seit einiger Zeit nimmt sie auch wahr, dass wieder mehr junge Leute in die ländlichen Gebiete ziehen. Ihre Eltern sind mitunter nach der Wende umgezogen, da gab es eine große Fluchtbewegung; aber die Enkel kehren zurück, manchmal vielleicht auch erst einmal zum Studieren. Zudem hat heute nahezu jeder Haushalt ein Auto, viele junge Leute sogar ihr eigenes. „Ich beobachte, dass sich da etwas verschoben hat. In meiner Generation wollten viele nach der Wende weg, vieles schien unsicher. Heute wollen sich junge Menschen die Welt angucken – und sie kommen wieder“, erklärt Julita. Bei denen, die nach der Wende dablieben, erkennt sie aber auch eine Art gesellschaftlicher Depression. Damals und bis heute wurden Lebenswege abgeschnitten oder radikal umgestellt. Die Wut und Angst gegenüber Asylsuchenden ist für Julita dabei ein Symptom dafür, dass ein Verarbeitungsprozess begonnen hat. Für Julita ist das auch in Mittweida erkennbar, wenn auch nicht so deutlich wie anderswo: „Es ist eher diffus. Man hört Ausdrücke wie ‚die Ausländer‘ im Smalltalk, Vorurteile, Schubladendenken. Meine Strategie dagegen ist, dass auf den einzelnen Menschen herunter zu brechen.“ Rassismus hinnehmen will sie nicht, sie redet mit den Leuten. Sie könnte sich auch vorstellen, dass beispielsweise ein Bäcker aus Syrien mit einem Helfer in die örtliche Bäckerei geht, sich vorstellt und einfach ins Gespräch kommt über das gemeinsame Handwerk. Bei der Willkommensfeier der Hochschule Mittweida malte sie ein Bild mit den Geflohenen und kam so ins Gespräch mit ihnen. Für Julita sind es die kleinen Gesten, die etwas bewirken können. „Ich wünsche mir mehr Lebendigkeit für Mittweida und mehr Lust daran, eigene Ideen umzusetzen. Und dass die Leute, die etwas vorantreiben, mit offenen Armen empfangen werden.“

Als wir die Probe verlassen, denken wir noch eine Weile über Julitas Begeisterung für die historischen Frauenfiguren nach. Sie waren selbstbewusst, suchten das Gespräch und nicht die Auseinandersetzung. Sie tauschten sich über Grenzen hinweg aus über ihre neuartigen Gedanken. Sie wollten, dass sich Dinge zum Besseren wenden – durch Respekt, Vertrauen und Verantwortung.

Den haben wir auch – vor den Frauen von damals und den neuen sanften Reformerinnen des Alltags von heute.

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