Zukunftsreise: Was Mittweidas Gründer brauchen

Berlin-Exkursion zu Gründerzenten - Lehren für Mittweida
30 Zukunftsgründer aus Mittweida besuchen Berlin
Welche Voraussetzungen brauchen Gründer?
Die Zukunftsstadt zu Gast im Technologiepark Berlin-Adlershof und dem Axel Springer Plug and Play Accelerator

Zukunftsreise: Was Mittweidas Gründer brauchen
Zukunftsreise: Was Mittweidas Gründer brauchen
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Zukunftsreise: Was Mittweidas Gründer brauchen
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Zukunftsreise: Was Mittweidas Gründer brauchen
Zukunftsreise: Was Mittweidas Gründer brauchen

Junge Menschen sitzen an schlichten Schreibtischen, nur einen Laptop auf dem Platz. Man hört ganz überwiegend Gespräche in Englisch, zwischendurch auch einmal Spanisch, Französisch oder Deutsch. Konzentriert sitzt man über Präsentationen, Businessplänen oder Programmiercode. Vor einer kleinen Tribüne hält jemand einen Vortrag, trainiert für die Vorstellung vor den Investoren. Es liegt Inspiration in der Luft, Emsigkeit, aber Anzüge trägt hier fast keiner. Hier geht es um den nächsten großen Wurf, Ideen, die Millionen wert sein können.

Was im Axel Springer Plug and Play Accelerator bereits Realität ist, könnte es so oder ähnlich auch in Mittweida geben. Bereits zum 1. Zukunftsforum im November 2015 wurden Stimmen laut, Mittweida bräuchte einen neuen Ort für Start-ups und ihre Gründer. Der TechnologiePark im Gewerbegebiet der Stadt meldete bereits 2014 an, es gäbe immer weniger Neugründungen. Dass das an fehlenden Ideen oder fehlendem Mut liegen könnte, ist zu bezweifeln. Bereits in unserem Macherporträt mit Prof. Dr. Ulla Meister von SAXEED kam zur Sprache, dass viele Studenten aus den unterschiedlichsten Fakultäten spannende Erfindungen und Entwicklungen im Sinn haben. Zudem bringe die Stadt einige gute Voraussetzungen mit, wie beispielsweise die Hochschule, günstige Mieten und eine gute Autobahnanbindung. Dennoch bleiben viele Büroräume leer – woran könnte das also liegen?

Die Zeiten für Gründer und ihre Unterstützer haben sich geändert

Bei der Exkursion nach Berlin, zu der das SAXEED sowie der CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Pätzold am 14. Juni 2016 einluden, bekam man einen Eindruck davon, was Gründer heute suchen: Der Standort muss Zugänge zu internationalen Märkten ermöglichen, Prozesse werden immer schneller, Unternehmen schneller gegründet und auch wieder verkauft. Die Infrastrukturen müssen stimmen und unterschiedliche Angebote für verschiedene Unternehmer- und Unternehmenstypen angeboten werden. Es geht schon lange nicht mehr nur um Räume und Förderung, sondern um die Teilhabe an Netzwerken, der Kontakt zu großen Unternehmen, um gute Mentoren und Trainer, die betriebswirtschaftlich denken und um die Bereitschaft zu scheitern – wozu aber auch eine gewisse Anerkennung gehört. Klassische Gewerbegebiete, auch wenn sie Angebote zur Wirtschaftsförderung machen, sind nicht mehr zeitgemäß und demnach auch nicht attraktiv für Gründer. Ein Fazit der Exkursion ist in jedem Fall: Wenn man Start-ups fördern will, muss man heute ganzheitlicher denken.

Die erste Station, der Wissenschafts- und Technologiepark Berlin-Adlershof, kommt einem klassischen Gewerbegebiet für Technologiefirmen am nahesten – wäre da nicht die über 100-jährige Geschichte des Standorts. Im Photonikzentrum, nur eines von vielen Gebäuden des riesigen Areals, trafen wir Roland Sillmann, Geschäftsführer des heutigen Verwaltungsunternehmen des Adlershofs. Hier wurden bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ersten Flugtests unternommen. Später entstand hier das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und in der DDR war es der Sitz zahlreicher Institute der Humboldt-Universität mit rund 6.000 beschäftigten Wissenschaftlern. Nach der Wende mussten diese Strukturen verändert werden – einige Institute blieben, ebenso 1.000 Forschende. Die anderen 5.000 wurden zum Gründen motiviert, der Grundstock für den heutigen Technologiepark Adlershof war gelegt. Heute sind über 1.000 Unternehmen am Standort mit über 16.000 Mitarbeitern und 1,8 Mrd. Euro Jahresumsatz.

Sillmann, früher selbst Gründer in der Solarbranche, identifiziert aus seinen persönlichen Erfahrungen und denen des Standorts sechs wesentliche Kriterien für Start-ups:

  1. Zugang zu Talenten: Start-ups brauchen Menschen, die mehrere Sprachen sprechen und möglichst über Hochschulabschlüsse verfügen. In dem Zusammenhang sind auch Personalkosten ein wichtiges Kriterium.
  2. Zugang zur Internationalisierung: Start-ups mit Aussicht auf Erfolg brauchen die Möglichkeit, schnell international werden zu können. Das betrifft vor allem den Zugang zu ausländischen Märkten.
  3. Zugang zu Investitionen: Laut Sillmann hilft es heutzutage zu scheitern. Insbesondere amerikanische Geldgeber investieren lieber in Gründer mit Erfahrungen, auch aus Insolvenzen. Zudem sind Fördermittel gerade am Anfang wichtig.
  4. Zugang zu Innovationen: Verschiedene Disziplinen, offener Wissenszugang, Austausch zwischen Hochschule und Wirtschaft – so gewinnen Unternehmen Vorsprung.
  5. Zugang zu Netzwerken: Start-ups brauchen Förderer – finanzielle, wirtschaftliche und politische. Die Vermittlung solcher Kontakte können sehr helfen.
  6. Zugang zu Kooperationen: Start-ups werden auch für größere Unternehmen immer wichtiger – und andersherum. Etablierte Firmen müssen demnach bereit sein, beispielsweise in abgegrenzten Pilotprojekten, Gründern eine Chance zu geben.

Das Image eines Standorts hält Sillmann dagegen für ein weniger wichtiges Kriterium. Aber es gibt auch Ausnahmen: Dresden habe laut ihm derzeit ein massives Problem aufgrund der Stimmungsmache durch PEGIDA, sodass sich anfangs interessierte Firmen nun nicht dort ansiedeln, sondern eher nach Berlin gehen.

Der Fahrstuhl zum Erfolg

Immer populärer werden zudem so genannte „Accelerator-Programme“, bei denen weniger Unternehmen als vielmehr Ideen gefördert werden. Aus Sicht des Anbieters kann sich das lohnen: Man sichert sich den Zugriff auf spannende Ideen sehr früh und bekommt Zugang zu besonders motivierten Menschen. Nicht alle Ideen müssen marktreif werden, Scheitern ist erlaubt – für die Geldgeber solcher Programm kommt es also auf eine Mischkalkulation an. Einige wenige Geschäftsideen müssen fruchten, um die Verluste der nicht erfolgreichen Starter auszugleichen.

Auch Roland Sillmann von der Adlershof-Betreibergesellschaft WISTA unterhält ein solches Programm. Einen besonders guten Einblick in ein solches System erhielt man jedoch beim „Axel Springer Plug and Play Accelerator“. Geschäftsführer Jörg Rheinboldt hat vor Jahren Ebay in Deutschland mitgegründet sowie die sehr erfolgreiche Plattform betterplace.org. Nun ist er Chef eines Programm, das bereits 77 Geschäftsideen seit 2013 unterstützt hat.

Immer 100 Tage werden die jungen Gründer im Accelerator betreut. Sie erhalten 25.000 Euro Unterstützung und Arbeitsplätze in den Räumen von Axel Springer. Wer es von den 1.300 Bewerbern aber schlussendlich schafft, darf schon etwas mehr erwarten: Angeboten werden Workshops zu betriebswirtschaftlichen Themen, Mentoren helfen bei der wirtschaftlichen Planung, Trainings für Präsentationen gehören ebenso dazu wie die sogenannte „Demo Days“, auf die die Junggründer allesamt hinarbeiten. Dann nämlich werden die Ideen eines Durchlaufs Investoren und Geschäftsführern namhafter Unternehmen vorgestellt und es geht um die zweite Finanzierungsrunde, mithilfe derer man seine Idee, sein Produkt oder seine Dienstleistung wirklich umsetzen kann.

Laut Rheinboldt lohnen sich solche Programme aber vor allem für Gründungen, die schnell erfolgreich sein wollen. Oft steht am Ende des Geschäfts der Verkauf der eigenen Firma. Vor allem aber müssen sich angehende Gründer folgende drei Fragen stellen:

  • Why this? (Warum das?)
  • Why you? (Warum Du?)
  • Why now? (Warum jetzt?)

Diese drei Fragen muss man sich selbst und potentiellen Geldgebern überzeugend beantworten können. Insofern bei Springer nur bei einer Frage Unsicherheit herrscht, werden die Ideen nicht angenommen. Rheinboldt plädiert zudem für exakte statt ausführliche Business-Pläne: Im Mittelpunkt stünden die Fragen, wie Erfolg für den Gründer aussieht und wie man diesen erreicht. Zudem soll man sich nicht festfahren: Wenn sich auf dem Weg zum Erfolg Momente ergeben, in dem man auch einmal unbequeme oder riskante Entscheidungen treffen muss und diese angeht, mache man es erst richtig.

Zusammenfassung: Mittweida braucht ein Update

Nach den vielen spannenden Gesprächen in Berlin wird deutlich, dass in Mittweida noch Platz nach oben ist. Moderne Gründerzentren müssen näher an die potentiellen Geschäftsführer, diese müssen sich begleitet fühlen und brauchen Zugänge zu weiteren Talenten, zu internationalen Märkten, Investitionen, Innovationen, Netzwerken und Kooperationen. Auch wenn Mittweida nicht Berlin ist – der Hochschulstandort kann diese Kriterien erfüllen, wenn man sie den Gründern ermöglicht.

Neben den Zugängen bleibt zudem die Erkenntnis, dass es eine andere Mentalität braucht, die auch vorgelebt wird. Nicht die Dinge erst bis zur 100%-Perfektion entwickeln, sondern frühzeitig in Ideen investieren und Scheitern als Lernprozess verstehen und es auch honorieren. Accelerator-Programme können dabei helfen, tolle Ideen und erfolgreiche Gründer bereits zeitig zu erkennen und an zukünftigen Erfolgen teilzuhaben.

Wenn Mittweida also etwas für seine Gründer tun will, ist es wohl mit einer Renovierung des TechnologieParks nicht getan. Auch ein schönes neues Gebäude wird nicht den gewünschten Erfolg bringen. In der Stadtverwaltung, an der Hochschule und bei den jungen Menschen müssen sich Sichtweisen radikal ändern, neue Kulturen etabliert und entsprechend gefordert und gefördert werden. Erst so kann Mittweida nach dem anfänglichen Boom aus den 90er Jahren wieder am Erfolg anknüpfen und nicht nur Betriebsstätten größerer Firmen anziehen, sondern zum echten Schmelztiegel für wirtschaftlich erfolgreiche Innovationen werden.

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